Scham, Masking und Selbstakzeptanz bei ADHS: Warum viele Erwachsene sich lange verstellen

„Ich muss mich einfach mehr zusammenreißen.“

Viele Erwachsene mit ADHS kennen diesen Gedanken. Sie bemühen sich, pünktlich zu sein, nichts zu vergessen oder im Gespräch nicht zu unterbrechen. Oft gelingt das, allerdings nur mit großem Kraftaufwand. Was nach außen selbstverständlich wirkt, kostet im Inneren viel Energie. Dieses bewusste oder unbewusste Anpassen wird häufig als Masking bezeichnet und hat seine Ursprünge in der ASS-Forschung.

Warum entsteht Masking?

Viele Menschen mit ADHS erhalten bereits in der Kindheit Rückmeldungen wie „Du bist zu unkonzentriert“, „Du musst dich mehr anstrengen“ oder „Sei nicht so chaotisch“. Mit der Zeit entwickeln viele Strategien, um ihre Schwierigkeiten möglichst wenig sichtbar werden zu lassen.

Masking kann im Alltag hilfreich sein und dabei unterstützen, berufliche oder soziale Anforderungen zu bewältigen. Gleichzeitig bedeutet es oft, dauerhaft gegen die eigenen Bedürfnisse zu arbeiten, um so zu funktionieren, wie es von einem erwartet wird. 

Wenn dieser Zustand über Jahre anhält, kann daraus nicht nur Erschöpfung, sondern auch ein negatives Bild von sich selbst entstehen.

Wenn aus Anpassung Scham wird

Wer über viele Jahre das Gefühl hat, Erwartungen nicht zu erfüllen, kann Schamgefühle und ein negatives Bild von sich selbst entwickeln. Betroffene erleben Misserfolge nicht nur als einzelne Situationen, sondern zweifeln zunehmend an sich selbst. Statt zu denken: „Das hat heute nicht funktioniert“, entsteht leicht der Gedanke: „Mit mir stimmt etwas nicht.“

Gerade weil ADHS von außen nicht immer sichtbar ist, werden Schwierigkeiten häufig als mangelnde Motivation oder fehlende Disziplin missverstanden – sowohl von anderen als auch von den Betroffenen selbst.

Eine Erklärung für die eigenen Schwierigkeiten zu finden, kann deshalb ein wichtiger Schritt sein, um diese alten Selbstvorwürfe zu hinterfragen und einen sanfteren, verständnisvolleren Umgang mit sich selbst zu entwickeln.

Selbstakzeptanz bedeutet nicht aufzugeben

Selbstakzeptanz bedeutet dabei nicht, Herausforderungen zu ignorieren oder auf Veränderungen zu verzichten. Vielmehr geht es darum, ADHS als Teil der eigenen Persönlichkeit anzuerkennen und sich mit den eigenen Stärken und Grenzen realistisch auseinanderzusetzen.

Für viele Erwachsene ist dieses Verständnis ein wichtiger Schritt, um Selbstvorwürfe zu reduzieren und Strategien zu entwickeln, die besser zu den eigenen Bedürfnissen passen.

Fazit

Scham und Masking begleiten viele Menschen mit ADHS über Jahre oder sogar Jahrzehnte. Ein besseres Verständnis der eigenen Neurodivergenz kann helfen, alte Überzeugungen zu hinterfragen und einen freundlicheren Umgang mit sich selbst zu entwickeln. Selbstakzeptanz bedeutet dabei nicht, Schwierigkeiten zu verdrängen, sondern sich selbst mit mehr Verständnis und weniger Selbstkritik zu begegnen.

Quellen

  • Mylett, M. L., Boucher, T. Q., & Iarocci, G. (2026). “I wish I could just be myself”: Experiences of social camouflaging in adults with ADHD. Research in Neurodiversity, 2, 100018. https://doi.org/10.1016/j.rin.2026.100018
  • Sedgwick, J.A., Merwood, A. & Asherson, P. The positive aspects of attention deficit hyperactivity disorder: a qualitative investigation of successful adults with ADHD. ADHD Atten Def Hyp Disord 11, 241–253 (2019). https://doi.org/10.1007/s12402-018-0277-6
  • Wurth P, Fuermaier ABM, Strand AH and Thorell LB (2025) Diagnosis acceptance, masking, and perceived benefits and challenges in adults with ADHD and ASD: associations with quality of life. Front. Psychiatry 16:1668780. https://doi:/10.3389/fpsyt.2025.1668780. https://www.frontiersin.org/journals/psychiatry/articles/10.3389/fpsyt.2025.1668780/full